Nix für Vegetarier (nur eine Geschichte)


Kurzgeschichte aus: Stiefmütterchen, Geschichten über das Werden und Vergehen von Jochen Krautheim

Das Schwein

Das Schwein rannte wie verrückt im Pferch herum, immer im Kreis, als wüsste es nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Seine Ohren klappten ständig hoch und darunter blitzten seine Augen so groß, dass ich dachte, sie müssten gleich heraus kullern. Die Männer hasteten hinterher, riefen durcheinander, fluchten, bis sie das Tier endlich in die Ecke gedrängt hatten. Dann geschah alles auf einmal: ein spitzes, langes Quieken – so entsetzlich, dass mir die Knie weich wurden, ein dumpfes Klack!, als bräche jemand trockenes Holz, und danach eine Stille, die sich wie Watte auf meine Ohren legte. 

„Den Eimer! Schnell den Eimer!“ 

Wir sprangen los, barfuß trotz der Kälte des Herbstmorgens, und brachten das Gefäß, das wir bisher bewacht hatten. Blut schoss hellrot aus dem Schnitt an der Kehle des Schweins. Es dampfte und roch metallisch. Da bekamen wir schon Holzlöffel und rührten, rührten, rührten, bis es schaumig wurde. Nun wuchteten die Männer das Schwein in einen Holztrog auf dem Wagen. Wir durften hinten mitfahren. Der tote Körper schaukelte hin und her, wenn das Auto über die Schlaglöcher holperte. Seine Haut fühlte sich warm an, fast weich, und die Borsten kratzten wie Bürsten an unseren Handflächen. Wir strichen immer wieder darüber.

Zu Hause war die Garage leer, aber schon kamen Frauen und brachten großen Töpfe mit kochendem Wasser. Man brühte das Schwein, damit sich die Borsten leichter von der Haut schaben ließen. Alles roch anders als sonst: heiß, schwer, streng, irgendwie geheimnisvoll. Dann schnitten die Männer den Wanst des Schweines auf. Ganz langsam, mit der Zunge zwischen den Zähnen, so als müssten sie eine teure Sahnetorte in gleiche Stücke teilen. Den Darm übergaben sie den Frauen. Eine steckte den Wasserschlauch hinein, drehte das Wasser auf und hielt ihn fest. Das Gedärm wurde lang und länger, wie ein glitschiger Luftballon. Die anderen drückten und massierten, bis der Inhalt herausquoll, braun und schmierig. Er platschte in den Abfluss und verschwand mit einem üblen Blubbern und noch übleren Gerüchen. Inzwischen hatte die Männer die Sau halbiert und die beiden Seiten draußen an eine Leiter gehängt. Die Herbstsonne warf einen fahlen Schimmer darauf. Für einen Augenblick sah es aus wie ein Mantel, den man zum Lüften aufgehängt hatte. Nun wurde der Trog geschrubbt und mit frischem Wasser gefüllt. Der Darm musste darin wässern. Dann war Feierabend. 

Am nächsten Morgen war alles anders. Die Waschküche dampfte, die Räucherkiste glühte, der Fleischwolf blinkte frisch geputzt. Wir durften beim Wursten helfen. Einer kurbelte, ein anderer stopfte Fleisch hinein. Die Gewürze – Majoran, Muskat, Kümmel, Pfeffer, Thymian – mischten sich zu einem appetitanregenden Duft. Das Brät quoll durchs Rohr, dick und glänzend, und füllte den Darm. Wir drehten eine Wurst nach der anderen ab, richtig schnell musste man das machen, damit sie nicht zu dick wurde und riss. Dann kamen die Würste ins heiße Wasser, auf dem bald Fettaugen tanzten. Als die Erwachsenen weiterarbeiteten, gehörte die Garage uns. Das ausgekippte Siedewasser hatte graue Klumpen und Fettpfützen hinterlassen. Es roch zwar streng, aber wir fanden es wunderbar: Wir nahmen Anlauf und rutschten quer durch die Garage, juchzend, kreischend, wieder und wieder, bis wir ganz glücklich außer Atem waren. Wenn jemand ausrutschte und hinfiel, war das Geschrei noch lauter. Bis plötzlich ein Ruf durchs Haus hallte „Schlachtschüssel!“ Dann rannten wir, als gäbe es Preise zu gewinnen. Im Wohnzimmer standen Tische voller Schüsseln und Platten. Aus allen Zimmern hatte man Stühle geholt. Manche waren so niedrig, dass die Erwachsenen darauf wie Riesen wirkten, andere so hoch, dass wir Kinder darauf thronten wie Könige. Das Sauerkraut dampfte, die Blut- und Leberwürste glänzten, die Klöße waren so groß wie Fäuste, und die Soße floss schwer und dick über alles drüber. Wir aßen, als würden wir morgen nichts mehr bekommen. Zweimal, dreimal, und noch ein bisschen. Zum Schluss bekamen die Erwachsenen einen Obstler, wir Kinder einen Himbeersirup, leuchtend rot und süß wie die Sommerferien. 

Satt, zufrieden und glücklich, beladen mit Wurst, Speck, Selchfleisch, Sülze und Schüsseln voller Sauerkraut und Klößen ging’s heim. Niemand sagte ein Wort über das Schwein. Nicht aus Vergessen, sondern weil wir Kinder nur das sahen, was vor uns lag: den warmen Bauch voller Essen, die schweren Vorräte in den Händen, und den ganzen Tag, der uns wie ein kleiner Königsmantel hinterher wehte. 

Und keiner dachte jemals mehr an das Schwein, das sein Leben für uns gelassen hatte.

2 Antworten zu „Nix für Vegetarier (nur eine Geschichte)“

  1. Erinnert mich an meine Kindheit im Odenwald, weil die Gaststätte, über der wir wohnten, zweimal im Jahr eine der Sauen schlachtete, die sie im eigenen Stall mit Küchenabfällen gefüttert hatte. Das halbe Dorf half, und Abends half ich die Metzelsuppe (Wurstsuppe von der Sudbrühe und den aufgeplatzten Würsten) in Milchblecheimern an die Nachbarschaft zu verteilen.
    Mir hat die Geschichte gut gefallen!

    Alex

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    1. Danke Alex – ja, bei uns in Oberfranken gab’s einmal im Jahr eine sogenannte Hausschlachtung. Liebe Grüsse Jochen

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