Nix für Vegetarier (nur eine Geschichte)


… „Schlachtschüssel!“, hallt es durchs ganze Haus. Das Fest beginnt.

Im Wohnzimmer stehen Tische aneinandergereiht, die beinahe den gesamten Raum ausfüllen. Weiße Damasttischdecken lassen die unterschiedlichen Formen und Größen milde verschwinden, und eine lange Tafel erscheint, auf der nun diverses Porzellan platziert wird. Das Zwiebelmuster-Service, dessen Namen ich nicht verstehe, weil die floralen, blauen Verzierungen keine Zwiebeln, sondern, wie meine Mutter mir erklärt hatte, Granatäpfel zeigen, mischt sich bedenkenlos mit einem Geschirr in Pink und Silber, das den sinnigen Namen „Romanze“ trägt. Vergoldete Saucieren, Platzteller mit Kobaltrand oder Tellerchen aus dicker Keramik ohne besondere Verzierung, fügen sich nahtlos in das Gesamtbild der Tafel ein. Messer, Gabel, Saucenkellen, Schöpflöffel und Sägemesser, Fleischzangen und Kaffeelöffel werden sorgsam verteilt, gefaltete und gestärkte Stoffservietten liegen bereit. Schließlich sorgen tönerne Bierkrüge mit fein ziselierten Klappdeckeln aus Zinn, gedrungene Schnapsbecher und kristallene Weingläser auf hohen Stielen für das glitzernde I-Tüpfelchen der Festtafel.

Die aus allen Räumen des Hauses herbeigeholten Stühle, Hocker und Sessel ergeben ein spielerisch buntes Bild rund um den Tisch. Der Erwachsene, der sich auf einem Hocker niederlässt, ist plötzlich nicht viel größer als man selbst; oder eines der Kinder, das auf einem hohen Stuhl thront, überragt mit einem Mal seinen Tischnachbarn um Kopfeslänge. Dabei kommt es gar nicht darauf an, wer neben wem Platz nimmt: Der einsilbige Weber, den man während der Woche nie zu Gesicht bekommt, sitzt neben dem Metzgermeister und plaudert angeregt. Der Lehrer, sonst Respektsperson, prostet lachend der Bäuerin zu und der steife Pfarrer, der auf seiner Kanzel sonst leichenblass und mit ernster Miene seine Predigten hält, lächelt mit sanft geröteten Wangen uns Kinder an. Wie auf der Tafel selbst verschwinden alle Unterschiede, und eine gelöste, erwartungsvolle Stimmung breitet sich unter den Menschen aus, die gemeinsam ihr Tagwerk vollendet haben und zufrieden sich alsbald von den eilends herbeigebrachten, randvoll gefüllten Platten sowie aus heißen Porzellanschüsseln bedienen können.

In Scheiben geschnittener Schweinebauch mit einer dicken, weichen Fettschicht türmt sich auf silbrig glänzenden Platten, pralle Blut- und Leberwürste sehen appetitlich aus, sämig gekochtes Sauerkraut mit süsslichen Mohrrüben und gebratenen Speckwürfeln dampft in bauchigen Gefäßen. Dunkelbraune, würzige Soße mit Kümmel ergießt sich aus den vielen am Tisch verteilten Saucieren und faustgroße Kartoffelklöße, grosszügig gefüllt mit in Butter braun gerösteten Weissbrotstückchen kullern einer nach dem anderen auf die Teller.

Alles steht in unglaublichen Mengen bereit und wird beständig nachgefüllt von den Frauen in langen, bunten Schürzen, die immer wieder vom Wohnzimmer zur Küche und zurück pendeln. Wir sind im Schlaraffenland. Wir lachen, erzählen, essen, trinken und genießen unser gemeinsames Festmahl. Wir langen beherzt ein zweites, drittes Mal zu, und schmecken das anhaltend erdige Aroma der bodenständigen Gerichte, bis nach ein paar Stunden niemand mehr auch nur einen einzigen Bissen essen kann.

An die Erwachsenen wird zum Abschluss aus bauchigen Flaschen selbst gebrannter Obstler in kleinen Mengen verteilt, wir Kinder bekommen einen leuchtend roten Himbeersirup vom vergangenen Sommer. Satt, zufrieden und glücklich treten wir den Heimweg an, beladen mit geräucherten Würsten und Schweinespeck, eingelegtem Selchfleisch, Hausmacherleberwurst, Sülze, Klößen und Schüsseln voller Sauerkraut.

Und keiner dachte jemals mehr an das Schwein.

Aus der Erzählung „Das Schwein“ aus: Jochen Krautheim, Mein Wunderbarer Garten, ISBN: 978-3-8370-0406-9

2 Gedanken zu “Nix für Vegetarier (nur eine Geschichte)

  1. Erinnert mich an meine Kindheit im Odenwald, weil die Gaststätte, über der wir wohnten, zweimal im Jahr eine der Sauen schlachtete, die sie im eigenen Stall mit Küchenabfällen gefüttert hatte. Das halbe Dorf half, und Abends half ich die Metzelsuppe (Wurstsuppe von der Sudbrühe und den aufgeplatzten Würsten) in Milchblecheimern an die Nachbarschaft zu verteilen.
    Mir hat die Geschichte gut gefallen!

    Alex

    Gefällt 2 Personen

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